Auf dem Weg
Flensburg. Nach über 600 km verlassen wir die Autobahn und lassen ab dieser Stelle Staus, Großstadtleben und Alltag hinter uns. Von jetzt an führt uns die Straße in seichten, langgestreckten Kurven, im Grundsatz aber stetig geradeaus, nach Niebüll.
Flaches Land, soweit das Auge reicht. Endlose grüne Wiesen, ab und an durchzogen von kleinen Gräben; große, stattliche Häuser und Scheunen im charakteristischen roten Klinker-Kleid, ein paar Kühe. Lediglich die etlichen Tankstellen machen klar, dass die zeitweise hier herrschende Fahrzeugdichte nicht alleine die der örtlichen Anwohner widerspiegeln kann.
Beim Betrachten der Landschaft denke ich daran, wie sehr ich zwar die Berge liebe, wie sehr es aber dieses flache Land ist, das Ruhe in mir einkehren lässt. Mir fällt der blöde Spruch ein, dass man hier bereits samstags sehen kann, wer einen sonntags zum Kaffee besuchen wird.
Meinen ersten Kontakt mit Sylt hatte ich in der 5. Klasse der Realschule. Der Klassenlehrer, ein junger Kerl mit Schnäuzer und langen Haaren, vertrat bei der Elternschaft die Meinung, dass eine große Klassenfahrt am Anfang der Schulzeit die Gemeinschaft deutlich besser formen würde als zu einem späteren Zeitpunkt. Und so kam sie dann für mich sehr früh, die erste Reise ohne meine Eltern und von zu Hause weg. Eine Woche, im Mehrbettzimmer in der Jugendherberge in Hörnum.
Ich erinnere mich gut an die Einfahrt mit dem Zug in Westerland, bei der wir alle bei heruntergelassenen Fenstern unsere Köpfe aus dem Wagon steckten. Beim Anblick der Gleiskörper, des Wasserturms, der Rampen und des breiten Hochhauses im Hintergrund hatte ich nicht den Eindruck, städtisches Gebiet wirklich verlassen zu haben.
Wie sehr änderte sich das, als wir kurze Zeit später mit dem für uns gecharterten Bus die Insel in Richtung Süden durchquerten. Ab Rantum steppenähnliche Hügel, karg bewachsen; endlose Mengen von Sand, und immer wieder der Blick auf das Meer. Mir grauste vor Jugendherberge und Mitschülern, der Distanz von zu Hause, und dem Aussehen der Landschaft, das mit dem der mir bekannten bayerischen Berggegenden so gar nichts gemeinsam hatte.
Zurück im Jetzt verkündet das Schild, dass wir zur Autoverladung nach Sylt letztmalig links abbiegen müssen. Obwohl es nach Niebüll selbst geradeaus geht.
Das Abfertigungs-Areal mitten im Nichts lässt einen Vorgeschmack erahnen auf die Masse, die hier zu manchen Zeiten abgewickelt sein will. Schranken, Automaten, Lichtsignale. Werbung für den neuen Edel-Shop in Keitum, die neue Pils-Kneipe in Westerland, und den erfahrenen Immobilien-Makler in List. Eine große Anzahl von Fahrspuren, von Beginn an getrennt in die für den roten oder den blauen Zug. Warum setzen wir eigentlich immer wieder auf die rote Bahn, anstatt mal Neues zu probieren?
Der nächste Zug ist für in dreißig Minuten elektronisch angezeigt. Was soll zu dieser Zeit eigentlich genau passieren? Schaltet die Ampel erstmalig auf Grün oder wieder auf Rot, stehen alle Autos auf den Wagen, oder fährt dann der Zug ab? Und werden wir uns unten oder oben auf dem Waggon einreihen dürfen? Wie mag das Meer am Hindenburgdamm aussehen? Und haben wir Ebbe oder Flut?
Nach kurzer Zeit, die wie jedes Mal endlos lange scheint, schaltet die Ampel auf Grün. Wir dürfen nach oben. Rangieren uns ein, noch etwas nach vorne, Stopp! Motor und Licht aus, Scheibe runter. Erster Geruch von Nordseeluft, erstes Möwenkreischen. Wir hören die Ansage vom Band. Und warten weiter.
Und dann, endlich, ruckeln wir los. Erst übers Festland, das die bekannten Anblicke seit Flensburg ergänzt um den unzähliger Windräder. Sie drehen sich nicht alle, und ich denke an Erderwärmung, Klimawandel, die nächste Generation, fehlende Stromtrassen in den Süden, und wie schwer wir uns alle damit tun, das umzusetzen, was unumstößlich getan werden muss.
Und dann künden erste einzeln verstreute Schafe ihn an: den Damm, der Sylt seit annähernd 100 Jahren mit dem Festland verbindet. Der die Touristen und Füchse mit Tollwut auf die Insel brachte. Und mit ihm ist es dann endlich da, das Meer. Diesmal hat es sich zurückgezogen und spiegelt im Vordergrund matt den grauen Himmel wider. So einfarbig, dass die Trennlinie zwischen Meer und Himmel nur mit Mühe auszumachen ist. Wobei im Hintergrund der Himmel leicht aufgerissen ist, und einzelne Sonnenflecken die Insel erhellen.
Erst schweigen wir und schauen ehrfurchtsvoll auf diese Masse an Natur, dieses Stillleben, durch das wir uns bewegen wie auf einer Bühne von der einen Seite zur anderen, als wäre sie nur für uns errichtet worden. Und dann erklären wir uns gegenseitig das Sichtbare, als wären wir Erstbesucher oder Inselführer.
Da vorne, wo die Insel startet, Nösse mit dem Morsum-Kliff. Da weiter hinten, der kleine Turm, die Kirche von Keitum, dem alten Walfänger-Dorf. Und da weiter, der schwarz-weiß geringelte Turm, der Leuchtturm von Kampen. Und ganz oben, der weiße Fleck, die Fähre nach Röm, die in List startet, und wo schon fast Dänemark ist.
Und dann, einfach so, ohne Kawumm oder Tusch, wird der Untergrund wieder breiter, und wir sind da: auf Sylt, unserem Zuhause für die nächsten Wochen.
Und mir fällt auf, dass es sich so anfühlt, als wären wir gerade gestern erst hier gewesen. Und ein bisschen so, als kämen wir endlich wieder nach Hause...
And the winner is...
Es ist zweifelsohne Sylt, das sich beim unprätentiösen Wettbewerb geografischer Flecken um unsere häufigste Urlaubsabwesenheit die Gold-Medaille verdient hat. Seit 1996 waren wir mindestens alle zwei Jahre, in Corona-Jahren bis dreimal in einem Jahr, in der Regel aber jährlich auf der Nordsee-Insel zu Gast. Die Aufenthalts-Schwerpunkte lagen dabei meistens in Juni und September, ein paar Mal haben wir auch Kurzaufenthalte im Winter eingelegt.
Wir haben ergo Sylt schon fast bei jedem Wetter und in jeder Lichtstimmung und Einfärbung erlebt. An strahlend blauen Sommertagen mit langen Faulenz-Aufenthalten am Strand, die lichttechnisch erst ab 17.30 h richtig schön werden, wenn das kalte, gleißende Licht der Sommersonne langsam wärmer wird, und wieder Schattenwürfe im Geflecht der Strandkörbe oder zwischen den kleinen Sandhaufen am Strand sichtbar werden. An herbstlich anmutenden Regentagen mit monströsen Gewitterwolken, die sich vor bedrohlich dunkelgrau durchfärbtem Himmel kontrastreich abzeichnen.
Bei all dem fasziniert mich am meisten, dass selbst an aufeinander folgenden Tagen ähnlichen Wetters der Abendhimmel und sein Sonnenuntergang deutlich anders aussehen. Mal mit spiegelglattem Tümpel-Wasser bei Ostwind, mal mit Westwind und seinem hohen Wellengang. Mal mit eher grauem, mal mit strahlend blauem, mal mit schlammbraunem Meer. Mal wolkenlos und damit eher langweilig; mal mit Wolken, die vom Wind zu Federstrichen zerzaust worden sind; mal mit kunstvollen Wolken-Einzel-Gebilden unterschiedlichster Form. Und mal ertrinkt die Sonne förmlich im letzten Moment spektakulär im Meer, während sie an anderen Tagen schon deutlich höher von Dunst oder Wolken ausgebremst wird, und der Himmel somit früher auf „Licht aus“ umschaltet.
Die Anzahl der bei all dem meinerseits entstandenen Bilder ist gewaltig. Und eine Auswahl zu treffen schien mir lange Zeit ein unmögliches Unterfangen.
Jetzt, im März 2025, endlich, habe ich mich aufgerafft, diesbezüglich einen Schritt weiter zu kommen, und konkrete Entscheidungen zu treffen.
Wie schön wäre es, wenn das ein oder andere Bild dabei sein würde, durch das die Faszination, die Sylt mir seit vielen Jahren immer auf mich ausübt, ein bisschen zu Euch durchscheinen würde.
Thomas Klotz
Pohlstadtsweg 400a
51109 Köln
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